Ihr bringt sie dem Wolf zum Frass dar…. 

Diesen Satz höre ich jedes Jahr, wenn wir unsere Schafe auf die Alpe bringen.

Und jedes Jahr trifft er mich.

Denn natürlich bringen wir unsere Tiere nicht mit dem Wunsch auf die Alpe, dass etwas passiert. Im Gegenteil. Wir lieben diese Tiere. Wir ziehen viele von ihnen von Geburt an auf. Wir kennen ihre Eigenheiten, ihre Familienlinien und ihre Geschichten. Sie tragen Namen!

Trotzdem treiben wir sie jeden Sommer auf die Alp.

Warum?

Weil Schwarznasenschafe Bergtiere sind.

"Behaltet die Schafe doch einfach unten."

Das klingt auf den ersten Blick logisch.

Doch unsere Schwarznasen fühlen sich im Sommer auf über 2500 Metern am wohlsten. Schon bei uns im Dorf auf rund 1200 Metern leiden sie an Hitze. Selbst auf der Alp suchen sie oft noch die letzten Schneefelder auf.

Hinzu kommt: Auch im Tal sind die Tiere nicht automatisch sicher. In unserem Dorf wurden ebenfalls bereits Wölfe gesichtet. Bis heute sind wir glücklicherweise von Rissen verschont geblieben, doch eine Garantie gibt es weder unten noch oben.

Dazu kommt ein weiterer Punkt, über den selten gesprochen wird:

Die Alpen wurden über Jahrhunderte beweidet. Das hat einen Sinn.

Werden die Flächen nicht mehr genutzt, bleibt das Gras über Winter stehen und legt sich unter der Schneedecke flach auf den Boden. Dadurch entstehen rutschige Schichten, welche Lawinen begünstigen können. Zudem wird der Boden weniger tief durchgefroren, was wiederum Auswirkungen auf die Stabilität von Hängen haben kann.

Die Weiden unten werden im Sommer für die Heuernte genutzt, damit wir das Futter für sie im Winter haben.  

"Dann stellt doch einfach einen Hirten an."

Auch diesen Vorschlag höre ich oft.

Walliser Alpen sind meistens klein. Wir dürfen auf unserer Alpe maximal 80 Tiere sömmern.

Alprechte sind übrigens Privatbesitz. Man kann nicht einfach irgendeine Alp auswählen. Die meisten Rechte werden seit Generationen innerhalb der Familien weitergegeben.

Für 80 Tiere einen Hirten anzustellen ist wirtschaftlich kaum möglich. Lohn, Sozialleistungen, Unterkunft und Verpflegung müssen ebenfalls bezahlt werden.

Und selbst das wäre keine Garantie.

Auch behirtete Herden wurden bereits angegriffen.

"Habt ihr wenigstens Herdenschutzhunde?"

Herdenschutzhunde werden oft als Lösung genannt.

Doch Hunde fressen kein Gras.

Jemand müsste täglich Futter auf die Alp bringen.

Die Walliser Schafsalpen liegen nie direkt an einer Strasse. Von unserem Dorf aus wären das rund 30 Minuten Fahrzeit und anschliessend etwa zweieinhalb Stunden Fussmarsch – jeden einzelnen Tag.

Auch das verursacht erhebliche Kosten und einen enormen Zeitaufwand.

Hinzu kommt, dass es bereits Fälle gab, in denen Herdenschutzhunde selbst schwer verletzt wurden und mit dem Helikopter ausgeflogen werden mussten.

Sie sind eine Hilfe, aber keine Wunderwaffe.

"Dann stellt halt Zäune auf."

Gegen den Wolf werden Zäune von etwa 1.50 Metern Höhe empfohlen.

Wer schon einmal Zaunmaterial getragen hat, weiss, wie schwer das ist.

Auf unseren Alpen kommt hinzu, dass der Boden felsig ist unter der dünnen Grasnarbe. Viele Pfähle können nicht einfach eingeschlagen werden. Es müsste gebohrt, verankert und gesichert werden. Gleichzeitig sind die Standorte oft exponiert und windig. Unsere Alpe wurde offiziell als Nicht-Schützbar eingeteilt.

Und dann gibt es noch die Wildtiere.

Gämsen, Steinböcke, Hirsche und andere Tiere bewegen sich seit Jahrhunderten frei durch dieses Gelände. Plötzlich kilometerlange Zäune in ihren Lebensraum zu stellen, schafft neue Probleme.

Renaturierung 

Oft wird gefordert, man solle die Natur wieder sich selbst überlassen, die einzige Lösung. 

Ich verstehe diesen Wunsch.

Viele Menschen sehnen sich nach mehr Wildnis, mehr Natur, mehr echtes Leben. Ehrlich, ich finde die Wölfe auch absolut faszinierend mit ihrem sozialen Konstrukt. 

Gleichzeitig erleben wir aber, dass dieselbe Gesellschaft häufig Schwierigkeiten hat, wenn die Wildnis tatsächlich zurückkehrt.

Der Waschbär nistet sich in Dachböden ein.

Der Fuchs kommt ins Wohnquartier.

Der Dachs gräbt im Garten.

Wildkatzen, Krähen oder Tauben sorgen für Diskussionen.

Und wir in den Bergen kämpfen mit dem Wolf.

Vielleicht zeigt das etwas Grundsätzliches:

Wir wünschen uns Natur. Aber wir tun uns schwer mit den Konsequenzen einer wirklich wilden Natur.

Dann hört doch einfach auf

Das wäre tatsächlich eine Möglichkeit. Viele haben diesen Entscheid bereits getroffen. Die Frage ist dann, wie wir als Gesellschaft mit den Folgen umgehen möchten – für Alpen, Kulturlandschaft und lokale Lebensmittelproduktion. Wenn wir den ganzen emotionalen Aspekt weglassen wollen. Denn mein Partner hat die Herde von seinem Grossvater übernommen. Und ich bestreite tatsächlich meinen Lebensunterhalt dank den Schwarznasenschafen.

Viele Menschen haben bereits aufgehört. Auch wir haben unseren Bestand reduziert. Früher gab es in unserem Dorf eine Schwarznasenschaf-Genossenschaft. Heute sind wir die letzten Schwarznasenschafhalter hier.


Also, was sollen wir tun?

Das ist keine rhetorische Frage.

Wir meinen sie ernst.

Sollen wir die Tiere im Stall lassen?

Sollen wir die Alpen nicht mehr beweiden?

Sollen wir noch höhere Zäune bauen?

Sollen wir Hirten anstellen, die wir nicht bezahlen können?

Wir wissen keinen Rat und wünschen uns eine ehrliche Diskussion statt Verurteilung, mit Menschen, die bereit sind zuzuhören.

Denn wir leben jeden Tag mit den Folgen dieser Entscheidungen.

Welche Lösung siehst du?

Was würdest du tun?
Fabienne

P.s: Ich vergass es fast, weil es so selbstverständlich ist. Natürlich besuchen wir die Schafe dreimal in der Woche auf der Alpe. Du kannst mitkommen. Alpbesuche gibt es hier!

Fabienne Truffer


Fabienne Truffer lebt mit ihrem Mann, ihren zwei Mädchen und einer Herde Schwarznasenschafen in einem kleinen Walliser Bergdörfchen. Entdecke auch ihre Homepage: www.fadenkorb.ch

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